Dienstag, 23. März 10 um 13:48 Alter: 8 Jahr(e)

Sleepless in Seattle

Von: Corinna Hein

Showfahren bei der Fahrradmesse an Amerikas Westküste

Vor einigen Monaten haben einige Leute des Cascade Bicycle Club in Seattle auf einer weit verbreiteten Video-Plattform im Internet Videos von Kunstradfahrern entdeckt und beschlossen: Die wollen wir für die Fahrradmesse im März 2010 haben! Kontakte fanden sie zunächst zum Förderverein Hallenradsport, der die Verbreitung des Kunstradsports in aller Welt vorantreibt. Über den Förderverein kam der Kontakt zu mir zu stande und einige Zeit später ging es los nach Amerika!

Aber der Reihe nach. Nach der Hessenmeisterschaft am 7. März und einem gemütlichen Abendessen mit alten Freunden aus dem Darmstädter Studentenwohnheim blieb nur wenig Zeit die Trikots zu waschen und das Rad flugzeugtauglich zu verpacken. Inzwischen geht das mit ein wenig Routine aber schon ganz flott.

Am Morgen des 8. März hat Jens mich zum Flughafen gebracht. Leider hat die Lufthansa beschlossen auf Flügen nach Amerika nur noch ein Gepäckstück kostenfrei zu transportieren und so war das Rad dann leider nicht ganz so günstig. Ansonsten gab es aber keine Probleme und nach zehneinhalb Stunden war ich in den Staaten. Möglicherweise war es gut, dass ich einen neuen jungfräulichen Reisepass ohne syrisches Visum und türkische Stempel hatte... Nach einiger Zeit ist auch mein Rad an der Gepäckausgabe aufgetaucht und es konnte mit einem Zug zum Hauptterminal gehen. Dafür musste man das Gepäck nochmals an einem Band aufgeben, bis auf Sperrgepäck. Das sollte man selbst tragen und mit in den zug nehmen. Das verstehe, wer will... Am Ausgang des Flughafens hat Robin vom Cascade Bicycle Club bereits auf mich gewartet. Zunächst ging es ins Büro des Vereins, wo ich ebenfalls sehr herzlich empfangen wurde, mich um das Kunstrad kümmerte und ein Leihfahrrad inklusive Helm und Schloss bekam. Zur Anmerkung: In Amerika ist der Helm beim Radfahren wichtiger als das Rad ;) und es besteht Helmplicht. Wir sollten bei den Auftritten ja auch einen Helm aufziehen... Danach habe ich die Wohnung bezogen, die Lukas, Stefan und mir für unsere Zeit in Seattle zur Verfügung gestellt wurde. Anschließend haben wir uns im Büro getroffen und ich bin noch ein Ründchen mit dem Rad am nächsten See entlang gefahren.

Dienstag hatten wir noch keinen Auftritt, sondern den ganzen Tag zur freien Verfügung und den nutzten wir natürlich zu ausgiebigem Sight Seeing. Zunächst fuhren wir mit den Rädern zum Green Lake. Es gibt wahnsinnig viele Seen in der am Pudget Sound gelegenen hügeligen Stadt. Durch die vielen Parks ist Seattle für eine Großstadt auch sehr grün. Wirklich schön.Wir fuhren ein Stück am See entlang un dann weiter zu den Salmon Locks, einer Schleusenanlage, die einen innerstädtischen See mit dem Fjord verbindet, inklusive Fischleiter für die Lachse. Die gab es aber leider nicht zu sehen. Auf dem Weg dorthin kamen wir durch einen Park mit vielen Eichhörnchen. Auf jene traf schon mal zu, was man sich so vorstellt: In Amerika ist alles größer ;) Anschließend ging es in den Discovery Park, wo es einen schönen Leuchtturm geben sollte. Irgendwie haben wir uns in dem Park leicht verfahren, was aufgrund der vielen Hügel etwas nervig war. Letztenendes fanden wir den Leuchtturm - eingepackt in große Planen. Was eine Enttäuschung. Auf dem Weg hinaus auf dem Park sind wir wohl von den Radwegen abgekommen und irgendwelche Fußgängerpfade langgefahren. Jedenfalls mussten wir die Räder am Ende ziemlich viele Stufen hochtragen... Aber was solls. Weiter ging es durch ein Reichenviertel an den Hafen und den Radweg an der Elliot Bay entlang. Sehr schön. Wirklich erstaunlich war, dass sobald wir nur die Karte auspackten um nach dem Weg zu gucken kam sofort jemand oder es hielt sogar ein Auto an um uns zu helfen. Sind schon nett, die Amis. Nach einem ziemlich verspäteten Mittagessen gings weiter zum Baseballstadion. Die Jungs waren ganz heiß drauf. Leider gab es an dem Tag keine Führung, also wenigstens mal in den Fanshop. Stefan war ganz traurig und erzählte einem Angestellten, dass wir nur den einen Tag hier wären und das aus Deutschland und er ganz traurig sei, dass wir das Stadion nicht anschauen konnten. Wir bekamen tatsächlich eine private Führung und das sogar kostenlos! War echt klasse. Wir wissen jetzt auch, dass Baseball total einfach zu verstehen ist: "Hit and run!" Fussball mit der Abseitsregel sei so kompliziert... Anschließend konnten wir einen Blick in das Footballstadion ergattern bevor es weiter ins International District und nach Chinatown ging. Ein nettes Viertel. Leider scheint die Glückskeksebäckerei die Wirtschaftskrise nicht überlebt zu haben... Danach wurden wir von Peter, einem der Hauptorganisatoren der Fahrradmesse in Chinatown zum Essen eingeladen. War wirklich superlecker!

Am Mittwoch hatten wir dann unseren ersten Auftritt in einer Grundschule. Wir wurden von Anna dorthin gefahren, die zunächst einen Vortrag zum Thema "Sicher Radfahren" hielt und den Kinder einbläute stets einen Helm aufzusetzen. Cascade Bicylce Club ist in dieser Hinsicht sehr aktiv, ebenfalls auf politischer Ebene, wenn es um die Errichtung von Fahrradwegen in der Stadt geht. Sie wollen der Bevölkerung die Möglichkeit der Fahrradnutzung als Transportmittel klarmachen. Desweiteren werden Fahrradreisen organisiert und kommerziell verkauft. Die Aufgaben unterscheiden sich doch schon etwas von denen, die man von einem deutschen Radsportverein kennt. Da wir aber Profis sind, durften wir dann doch ohne Helm fahren ;) Die Kinder waren völlig aus dem Häuschen und kamen aus dem Klatschen, Rufen und Staunen überhaupt nicht mehr raus! Wir fanden das natürlich auch prima! Der erste Auftritt war ein voller Erfolg. Danach ließen wir uns von Anna im Stadtzentrum absetzen und nahmen an einer Underground-Tour teil. In Seattle lagen einige Straßen früher ein Stockwerk weiter unten, da Erde vom Hügel abgerutscht ist und die ursprüngliche Straße bedeckt hat. Eine neue Straße wurde später daraufgebaut. In alten Häusern kann man in den Keller gehen und auf alten Pfaden wandeln. War ziemlich witzig. Nur leider sprach hat die Tourführerin so schnell gesprochen, dass sich bei uns gewisse Verständnisprobleme offenbarten und wir die Witze nicht so ganz mitbekamen. Trotzdem war's interessant. Danach ging's zum Lake Union, wo wir uns die Hausboote anschauen wollten. Dort sind ganze Häuser auf Flosse gebaut, die an vielen Stegen liegen. Schon abgefahren und eine nette Gegend zum entlangschlendern. Danach wollten wir mit dem Bus zurück zum Büro fahren. Leider wussten wir nicht so recht mit welchem und Pläne sind rar. Aber es hat sofort jemand sein iphone gezückt... Nach einem kurzen Einkauf wollten wir in den nächsten Bus einsteigen, mussten jedoch feststellen, dass zu dieser Zeit keiner fuhr. Ich habe es dann mal mit trampen probiert. Dummerweise hat aber keiner angehalten. Ich habe mich später erkundigt, ob man in Amerika auch mit dem Daumen hoch trampt. Wie mir versichert wurde, ist das so. Also nichts falsch gemacht. Vielleicht trampt es sich einfach nicht gut mit einem Hockeyschläger in der anderen Hand... Abends ging es mit Peter, Anna und vielen Mitarbeitern von Cascade in eine Bar und die Amis haben gelernt, dass es Deutsche gibt, die kein Bier mögen ;)

Donnerstags waren zwei Auftritte in Grundschulen angesetzt. Wieder erlebten wir super begeisterte Kinder, die völlig aus dem Häuschen waren. Sogar die Eltern von unserer Fahrerin Anna kamen um uns zuzusehen. Wieder gab es eine Sicherheitseinweisung zum Thema Radfahren und danach unsere Show. Und wieder waren die Kids völlig aus dem Häuschen. Anschließend hat sich Anna sogar beim 2er mit Lukas versucht, natürlich mit Helm und nach kurzer Zeit hat sie sich auf seinen Schultern sichtlich wohl Gefühlt. Stefan und ich guckten uns in der Zwischenzeit den Geräteraum der Grundschule an, die erstaunlicherweise wie alle Grundschulen, die wir besucht haben über Einräder verfügte. Und über Pogosticks. So ein Ding wollte ich in meiner frühen Jugend unbedingt haben und es war verdammt schwierig aufzutreiben...
Mittags gab es Burger bei Dicks. Schließlich muss man das lokale Essen Testen. Danach waren wir im Volunteer Park auf dem Turm, von dem aus einen schönen Blick über die Stadt hatten, und am Grab von Bruce Lee. Danach ging es auch schon zur nächsten Schule. Zunächst gab es eine Shakespeare Vorstellung der Fünftklässler, dann den obligatorischen Vortrag bezüglich der Helmpflicht auf dem Rad und die Kunstradfahrer. Diesmal wurden wir von King5 gefilmt und fanden uns abends in den Fernseh-Nachrichten wieder. Der Auftritt war ebenfalls ein voller Erfolg. Die fünfjährigen haben später im Unterricht Bilder von uns gemalt und die achtjährigen Kinder haben Aufsätze geschrieben. Echt süß.
Abends ging es zum Konzert von New Found Glory. Wir fuhren zunächst mit dem Bus und dann mit der Monorail, einer Bahn die auf Stelzen zehn Meter über der Straße zwischen den Hochhäusern hindurchfegte (und aus mir unklaren gründen dabei hupte). Im Dunkeln ein ziemlich cooler Anblick. Das Konzert war gut, bis auf die Tatsache, dass weder ein deutscher Personalausweis noch ein europäischer Führerschein ausreichend sind, um was zu trinken zu bekommen... Wir haben uns gut gehalten ;)

Freitag Morgen hatten wir frei und sind mal zum Shoppen ins University Village gefahren. Was ein riesen Gelände und ein Geschäft am anderen. Irgendwie kamen wir aber nicht so wirklich zum einkaufen. Schließlich mussten wir auch schon bald zurück sein, um in der nächsten Grundschule (mit einem großen Schild "no weapons" an der Tür) aufzutreten. Die Kinder waren ebenso begeistert und schrien und klatschten, obwohl die Direktorin sie aufgefordert hatte ein ruhig zu sein. Über die anschließende Autogrammstunde haben die Kinder sich auch wahnsinnig gefreut und wir uns über das T-Shirt, das wir geschenkt bekamen. Anschließend gab es nochmal eine Rede der Direktorin, die am Beispiel von uns erklärte, dass man immer schön dran bleiben muss, auch wenn mal etwas nicht so gut läuft, und man dann sicher etwas erreichen wird. American Dream. Willkommen in den Staaten ;). Danach ging es zur Expo, wo der Messeaufbau schon in vollem Gange war und wir uns schon ein wenig umsehen konnten und die Snacks genießen.

Samstag ging die Messe dann richtig los. Wir hatten vier Auftritte, die allesamt einfach nur genial gut ankamen. Die Amis waren total verrückt nach uns. Ständig hat uns zwischen den Auftritten jemand angesprochen, wie toll wir doch waren. Einer meinte, er hätte eine ziemlich miese Woche gehabt, aber nachdem er uns jetzt gesehen hat, würde es ihm richtig gut gehen. Ansonsten sind wir über die Messe geschlendert und haben uns die Neuheiten im Fahrradbereich angeschaut. Viele schöne Rädchen vom normalen Straßenrad über Mountainbikes, Rennräder, Tandems und natürlich jede Menge Zubehör und Kleidung. Ein deutscher Fahrradtaschenhersteller war übrigens auch vor Ort ;) Abends ging es zur Expo Party in einer Bar in Fremont, wo wir den Abend gemütlich ausklingen ließen. Auf dem Weg dorthin wurden wir von Anna an einer weiteren Sehenswürdigkeit vorbei geführt, einem riesigen Troll aus Stein, der unter eine Brücke sitzt. Natürlich konnten wir es nicht lassen hochzuklettern.

Sonntag waren wir ebenfalls den ganzen Tag auf der Messe und genossen unsere Auftritte, die ungewohnte Popularität und den ganzen Wirbel, der sich um uns entfachte. Es war einfach klasse und das Publikum durchweg begeistert. Wir machten Bekanntschaft mit einem Trail-Fahrer, der auch auf der Messe auftrat, und davon lebt, rumzutouren und Shows zu machen. Wir müssen wohl etwas an unserer Vermarktung arbeiten... Es war ebenfalls ein super Tag, wobei wir abends doch ein wenig müde waren. Anschließend ging es zurück ins Büro, wo wir die Räder verpackten. Die Messe war auch für den Fahrradclub ein großer Erfolg: 9000 Besucher. Im Vorjahr waren es zwischen 7000 und 7500 und einer der Organisatoren Peter (der uns eingeladen hat) ist überzeugt davon, dass das unsere Schuld ist und will uns nächstes Jahr unbedingt wieder haben.

Stefan und Lukas flogen Montag morgen um 8 Uhr 50 zurück. Ich hatte noch zwei weitere Tage vor mir. Den Montag verbrachte ich mit Peter und dessen Freund Steve auf Bainbridge Island, einer Seattle vorgelagerten Insel im Pudget Sound. Anstelle des Mountainbikes, mit dem wir die ganze Woche durch die Stadt gefahren waren, bekam ich ein Cross-Rennrad und die beiden Männer führten ihre Rennräder aus. Fahrradklamotten hatte ich allerdings keine dabei und ursprünglich hatte ich auch mehr an gemütliches Sight-Seeing Radeln gedacht als an sportliches Fahren... Aber ich bin ja fit ;) Die Insel war einfach wunderschön und das Wetter für das (angeblich) verregnete Seattle einfach super. Steve wohnt im Norden der Insel in einer traumhaften Lage direkt am Sound. Natürlich kannte er sich perfekt aus und führte uns über viele kleine Straßen vorbei an malerischen Buchten und wir konnten immer wieder den Ausblick auf Seattle bei strahlendem Sonnenscheinbeobachten. Nach der Rundfahrt gingen wir noch etwas trinken, aber ich musste schon gleich weg, da ich mich mit Robin vom Cascade Bicycle Club (bei der ich die letzten beiden Tage wohnen durfte) und ihrem Sohn zum Sonnenuntergang auf der Space Needle verabredet war. Die Space Needle ist ein 184 m hoher Turm, von dem aus man eine tolle Aussicht über die Stadt und die umliegenden Berge hat. Sowohl bei Licht als auch bei Nacht ein Genuss. Nach einer leckeren Pizza in einem urigen Restaurant ging es zu Robin nach Hause. Sie hat voll die coole Küche mit einem Tisch in der Mitte und einem Kühlschrank, der Eiswürfel ausspuckt. Und ich dacht, die gibt's nur im Fernsehen...

Sonntag fuhr Robin mit mir nach Snoqualmie um die Wasserfälle dort anzuschauen. Zunächst gab es aber Frühstück in einem Restaurant mit Blick auf die Fälle. Sie waren wirklich sehr schön. Wir haben eine kleine Wanderung zum Fuß der Wasserfälle gemacht durch einen richtigen Urwald. Es scheint wirklich viel zu regnen... Anschließend sind wir über den Zaun geklettert um richtig nahe an den Wasserfall ranzukommen. Super! Im Ort gab es darüber hinaus historische Züge zu bewundern. Danach ging es zurück nach Seattle. Robin musste noch ein wenig arbeiten und ich ging ins Aquarium und habe mir viele Fische angeschaut. Es gab viele lokale Fische und Meerestiere aus dem Pudget Sound und eine Ausstellung über Korallen. Höhepunkt war die Oktopusfütterung. Danach gings nochmal in eine Bar mit den Mädels von Cascade und anschließend zum Thailänder mit Robin und Peter.

Mittwoch Morgen fuhr ich nochmal mit Robin ins Büro um mich von sämtlichen Mitarbeitern zu verabschieden. Danach ging es schon zum Flughafen und nach Hause. Es war ein absolut toller Trip! Hoffentlich gibt es nächstes Jahr ein Wiedersehen!

Im folgenden eine Nachricht, die die Expo-Organisatoren bezüglich unserer Auftritte erhalten haben, und die die Begeisterung des Publikums viel besser beschreibt, als ich das jemals könnte:
"I cried, literally, watching the artistic cyclists because it was so much about, not the limits of what the human body can do on a bike, but the not-limits, so completely unmediated by complicated gear or technology, just about the beauty of human strength and the amazing, balancing, spinning simple machine that is a bicycle.  Totally moving, totally amazing."


 
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